Ansprache 2011

Guten Morgen sehr verehrte Damen und Herren,

Günaydin und Hos Geldiniz.

Mein Name ist Carolina Böhm , ich begrüße Sie herzlich im Namen der Sprecherin der Jury für das Rote Tuch.

Ein entscheidendes Kriterium für die Jury-Entscheidungen ist seit langer Zeit, dass das ausgezeichnete Medium neu und aktuell sein muss, entstanden, produziert in jüngster Zeit.

In diesem Jahr ist mir wieder einmal klar geworden, wie wichtig dieses Kriterium ist, zwingt es uns doch immer wieder dazu, als Jury, die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Bedrohungen, mit schwierigen Diskursen zu suchen.
So stand die letzte Preisverleihung im Zeichen des Erinnerns an 20 Jahre Fall der Mauer.
In diesem Jahr geht es nicht um den Mauerbau, es gibt noch eine andere Zeitachse, ebenfalls 50 Jahre, an die wir erinnern können: 50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei.

 

Es geht bei diesem Preis immer wieder um Erinnern – ohne dass es keine Zukunft gibt – das rote Tuch spinnt den Faden ins Hier und Jetzt.

Unser Hier und Jetzt wird in den letzten Jahren vom Diskurs darüber bestimmt, wie wir unser Zusammenleben in dieser heterogenen Gesellschaft gestalten, können, wollen.

Arjun Appadurai- ein renommierter Anthropologe der New Yorcker Universität, hat jüngst geschrieben: Wir leben in einer Welt, in der wir einander gleichzeitig zu nahe und zu fern sind.

In diesem Gedanken steckt auch eine zentrale Botschaft unserer diesjährigen Preisträger: „Vergessene Biographien- migranten und schwarze menschen im nationalsoialismus“. In einer Welt, in der wir tagtäglich Informationen über Milliarden von Biographien empfangen können, kann es passieren, das wir manche übersehen, die unsere Aufmerksamkeit dringend brauchen. Biographien, die unsere Empathie benötigen, Geschichten, die gehört und weitererzählt werden müssen.

Die Jury des Roten Tuches hat in den vergangenen Monaten intensiv gesucht nach Preisträgerinnen die eine solche Geschichte erzählen: Von Empathie für Vielfalt- vom Zuhören- Vom Hinschauen- Von Respekt.

Wir haben sie im dokumentartheater gefunden, in der Inszenierung Vergessene Biographien.
Es gelingt hier, diese Biographien, von Migranten und schwarzen Menschen im Nationalsozialismus ins Hier und Jetzt auf die Bühne zu holen, durch Darsteller und Darstellerinen, die selbst Opfer hätten sein können. Deren Biographien sich durch diese Theaterarbeit wiederum gewandelt haben und neue Geschichten erzählen, dies erleben wir und Sie heute mit.
Das hat uns in der Jury zutiefst überzeugt.

Bevor ich gleich die Bühne frei gebe, erlaube ich mir noch kurz, die Jury-Mitglieder vorzustellen: Frau Jaeschke-Wagner, Frau Witte, Frau Schäfer, Frau Tesch, Herr Droll, Herr Berg, Herr Clairmont, heute leider verhindert.

Wie aktuell dieser Preis ist, meine Damen und Herren, haben uns schmerzhaft die letzten Wochen gezeigt, nicht nur durch die blutige Barbarei in Norwegen, auch hier in Berlin. Wie durch ein Wunder kam niemand zu Schaden als im Mai das Anton-Schmaus-Haus der Falken in Neukölln durch feige rechte Attentäter angezündet wurde.

Der Wiederaufbau kostet viel Geld, sie haben im Anschluss die Möglichkeit, diesen durch eine Spende bei Getränken und Imbiss zu unterstützen.

Nach dieser Szene freuen wir uns auf die Laudatio von Ines Pohl, nun aber zunächst: Vorhang auf...