Begründung der Jury

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Genossinnen und Genossen,

sehr geehrter Herr Engelmann,   liebe Kolleginnen und Kollegen der Jury,

in der Vorbereitung der heutigen Preisverleihung ist mir in erschreckender Art und Weise durch den Kopf gegangen, wie sehr ich bei jeder Verleihung erneut  betonen muss, dass dieser Preis seine Notwendigkeit niemals verliert und jedes Mal in einem aktuellen Kontext.

Als wir vor vier Jahren an dieser Stelle den Preis an das Theaterstück Vergessene Biographien verliehen, haben wir am gleichen Vormittag Spenden gesammelt für das durch einen Brandanschlag schwer zerstörte Anton Schmaus Haus der Falken in Neukölln.

Heute, liebe Gäste, brennen in Deutschland erneut Unterkünfte für Flüchtlinge. Somit bleibt die Auszeichnung von antifaschistischen Medien, die Aufklärung über die Vergangenheit, das Mahnen, all das  bleibt tagtägliche Pflicht, für die SPD und die Zivilgesellschaft.

Unser diesjähriger Preisträger Reiner Engelmann ist ein besonders wichtiger Vertreter dieser Zivilgesellschaft, denn er widmet der Aufklärung über die Greuel der NS- Barbarei seine Kraft und seine Aufmerksamkeit.

Ihm haben wir es zu verdanken, dass er Wilhelm Brasses Geschichte  aufzeichnete, dass wir die Geschichte des Fotografen von Auschwitz 70 Jahre nach der Befreiung dieses Vernichtungslagers erfahren dürfen.

Ich möchte zwei Aspekte der Jury-Entscheidung für  dieses bemerkenswerte Buch erläutern.

Jedes einzelne Kapitel erzählt eigene, zutiefst berührende Geschichten, darin waren wir uns einig. Als Beispiel möchte ich das Kapitel 17, die Hochzeit erwähnen. Der Fotograf von Auschwitz erhält tatsächlich die Aufgabe eine Eheschließung zu fotografieren.

Im Vernichtungslager Auschwitz existierte ein Standesamt, meine Damen und Herren, liebe Gäste und ein anderer so genannter Funktionshäftling, das waren Häftlinge, deren Kenntnisse von der SS gebraucht wurden, durfte seine Verlobte, die er im spanischen Bürgerkrieg kennen gelernt hatte, im Lager heiraten. Das geschah am 18. März 1944.

Am 30. Dezember desselben Jahres wurde dieser Häftling, Rudolf Friemel, gemeinsam mit vier anderen Häftlingen öffentlich gehängt.

Dieses Kapitel meine sehr verehrten Gäste hat mir eine grauenhafte Wahrheit eiskalt gezeigt: Es ist erschreckend einfach, den schlimmsten, menschenrechtsverachtenden, barbarischen, terroristischen Situationen, einen Deckmantel von Zivilisation umzuhängen.

Seht her, die Häftlinge in Auschwitz durften sogar heiraten – wer spricht hier von einem Vernichtungslager? Uns alle ruft dieses Beispiel zu höchster Wachsamkeit auf – uns niemals beschwichtigen zu lassen – dort wo wir Unrecht vermuten.

Der zweite Aspekt, verehrte Gäste, liebe Genossinnen und Genossen, das ist der hoffnungsvolle. Denn die Geschichte des ermordeten Rudolf Friemel, sie ist gleichzeitig ein Zeugnis von unglaublichem Mut.

Dieser Funktionshäftling, der auf Grund seiner Fähigkeiten als KFZ-Mechaniker für die SS offensichtlich von großer Wichtigkeit war, er nutzte seine Position aus, um Widerstand im Lager zu organisieren.

Er war aktiv in der „Kampfgruppe Auschwitz“, eine Gruppe von Funktionshäftlingen, die nichts anderes tat, als anderen schwächer positionierten Häftlingen nach Möglichkeit das Überleben zu sichern. Wie dies funktionierte, ich kann nur anregen – lest es selber nach. Ich verbeuge mich in Ehrfurcht vor dieser menschlichen Größe, im Angesicht des Todes den Glauben an die Kraft der Solidarität niemals zu verlieren.

Lieber Reiner Engelmann, vielen Dank, im Namen der Jury, für dieses wunderbare Buch.

Und nun freue ich mich sehr, Eva Högl hierher zu bitten, die als Vorsitzende des Untersuchungsausschusses NSU so tief in die Abgründe des Neofaschismus in der Bundesrepublik Deutschland blicken musste, ich freue mich dass sie hier heute die Laudatio spricht- herzlich willkommen!