Laudatio 2011

Liebe Schauspielerinnen und Schauspieler,
liebe Freunde, Eltern und Geschwister, liebe Marina Schubarth, liebe Judith Rahmer, liebe Katharina Goebel, lieber Michael Müller, lieber Christian Gaebler, liebe Carolina Böhm, liebe Anwesende.

Es ist mir eine ganz besondere Freude und Ehre, dass Sie mich gebeten haben, die Laudatio, die Lobrede auf die Inszenierung des Stückes „Vergessene Biografien“, zu halten, für das heute der 27. Jugendmedienpreis „Das Rote Tuch“ verliehen wird.

Ein Preis, der eigentlich selbst auch einen Preis verdient hat. Seit 1978 gibt es ihn und er zeichnet junge Berlinerinnen und Berliner aus, die sich mit Theaterinszenierungen oder in Büchern oder anderen medialen Aufbereitungen mutig einsetzen gegen Neonazis, gegen die menschenverachtende Diskriminierung von Minderheiten, letztlich gegen die Feinde unseres demokratischen Grundverständnisses stellen. Das Rote Tuch ehrt und würdigt also jene, die offen und klar ansprechen, was geändert werden muss.

Die SPD Charlottenburg-Wilmersdorf, die diesen Preis seit 1978 auslobt, hat die Farbe Rot nicht nur gewählt, weil sie für Entschlossenheit und Kampfeswillen steht. Die Farbe Rot ist auch die Farbe der Sozialdemokraten, der SPD, die älteste Partei Deutschlands, die Partei, die sich seit fast 150 Jahren auf ihre Fahnen geschrieben hat, gegen Ausgrenzung und für mehr Demokratie zu kämpfen.

Als ich Carolina Böhm vor mehreren Monaten zusagte, die Laudatio zu halten, war uns allen nicht klar, welche andere Konnotation die Farbe Rot an diesem heutigen Sonntag auch haben wird.
Niemand von uns ahnte, was bei Oslo auf der einer kleinen Insel vor der norwegischen Hauptstadt während eines traditionsreichen Ferienlagers passieren würde, dass ein Mann fast 70 junge Männer und Frauen töten würde, ein Blutbad anrichten würde, letztlich getrieben von genau dem, wogegen dieser Preis, aber auch die Geehrten, die Ausgezeichneten des heutigen Tages, sich einsetzen, kämpfen.

Nils Minkmar schrieb in einem Beitrag für die FAZ: "Anders Breivik wusste genau, was er tat. Wir sind es, die nichts wussten, die vergessen haben, was politischer Terror von rechts ist, wie so etwas aussieht, wie die vorgehen.“
Und weiter: „Er hat sich schon die Richtigen ausgesucht: Stalin und die Nazis waren sich an einem Punkt wenigstens einig, nämlich der Todeswürdigkeit der Sozialdemokraten.“

Was muss bleiben von Oslo, was sind wir alle, egal, welcher Partei wir angehören oder mit welcher politischen Programmatik wir uns identifizieren, was sind wir den Opfern und ihren Familien schuldig?

Wir sind verpflichtet, uns anzuschauen, in welchem Gedankengut Anders Brevik sich bewegt. Wir müssen uns beschäftigen damit, dass beispielsweise der rechte amerikanische Moderator Glenn Beck das Sommercamp der norwegischen Jusos mit der Hitlerjugend vergleicht und dafür auf seinen Internet-Seite ordentlich Applaus bekommt.

 

Wenn der amerikanische Islamwissenschaftler Reza Aslam sagt, diesen Krieg, den Menschen wie Anders Breivik führen, kann man nur gewinnen, wenn man nicht mitkämpft, was meint er dann?

Meint er, dass man den nächsten Anschlag passiv abwarten soll?

Nein, er ermutigt uns, die Fragen von Immigration und vom Kampf der Kulturen immer wieder und immer wieder sehr konkret zu stellen, den Dialog zu suchen und mit Fakten zu unterstützen, zu differenzieren und über einzelne Schritte und sachliche Fragen zu sprechen.
Wer der fundamentalistischen Gefahr begegnen will, sei sie nun islamisch oder christlich, der muss genau die Werte verteidigen, die angegriffen werden.
Wer für zu große Toleranz und sein Eintreten für kulturelle Vielfalt angefeindet wird, der muss die soziale Kompetenz für Toleranz und Offenheit gegenüber Andersdenkenden stärken.
Carolin Emcke schreibt in der ZEIT: „Nicht von Einwanderern droht Gefahr, sondern von Extremisten. Ob sie christlich oder muslimisch, politisch oder religiös argumentieren. Gestern waren es Juden, heute sind es Muslime, die als fremd und uneuropäisch bezeichnet werden.

Morgen kann es eine andere Minderheit sein, die ausgeschlossen werden soll.“ Gleich sei es, wen es als nächsten treffe, wer als Nächstes als fremd oder anders aus dem sozialen Gefüge abgeschoben werden solle. Und weiter: „Vielleicht gehören wir heute zufällig zur gefälligen Mehrheit. Aber morgen vielleicht schon nicht mehr. Wer in Freiheit leben möchte, muss sich gegen jede Form der Monokultur wehren, weil jeder irgendjemand anderem fremd ist."

Liebe Anwesende, was nun soll aus all den klugen Gedanken folgen, wie werden nun all diese Worte zu mehr als einer Sonntagsrede?
Ich denke, das, was wir heute feiern, das, wofür die Ausgezeichneten heute geehrt werden, ist eine Antwort. Dabei verkörpern die sozialdemokratischen Opfer letztlich genau die Werte, die mit dem heutigen Preis ausgezeichnet, in den Mittelpunkt gestellt werden sollen.

Die Jury begründet ihre Entscheidung so schlicht wie präzise: Die Inszenierung von „Vergessene Biografien – Migranten und Schwarze Menschen im Nationalsozialismus“ hat uns schnell überzeugt durch die Auswahl eines vergessenen Themas, durch die Zusammenarbeit mit genau den Jugendlichen, die sich im Alltag intolerantem Verhalten der Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt sehen, die sich hier mit Themen auseinandergesetzt haben, die sonst eben auch von der Mehrheitsgesellschaft definiert werden.“
Ist das nicht letztlich die einzige Antwort, auf die Gedankenwelt, in der einer wie Anders Breivik sich bewegt?

Wofür also werden die Jugendlichen vom Café Nightflight und ihre Unterstützerinnen vom Dokumentartheater Berlin ausgezeichnet?
Für eine ganz besondere Inszenierung eines ganz besonderen Stückes mit ganz besonderer Besetzung.
Schon der Ort, an dem das Stück spielt, könnte besser nicht gewählt sein, um allein schon räumlich sich den Realitäten der vergessenen Opfer des Nationalsozialismus zu nähern. 40 Stufen geht es hinab unter die Erde, hinein in beklemmend niedrige Betonräume, die sich labyrinthisch ins scheinbar Unendliche fortsetzen. Alle fünf Minuten erinnert uns das Rumpeln der U-Bahn daran, wo wir sind: in einem Bunkersystem nahe dem Bahnhof Gesundbrunnen, erbaut von Zwangsarbeitern während des Zweiten Weltkrieges.

Solche Projekte sind immer nur möglich, weil sich viele engagieren, Dinge anstoßen, dabei bleiben oder zu Ende führen. Ohne die pädagogische Betreuerin Judith Rahner, die im Café Nightflight, einem offenen Jugendtreff in den Räumen der evangelischen Kirchengemeinde Charlottenburg-Nord, arbeitet, wäre dieses Stück wohl nie zur Bühnenreife gelangt. Sie entwickelte 2009 ein Projekt, das über die üblichen Breakdance-, Hiphop- und Grafitti-Workshops hinausgeht.

Gemeinsam mit Regisseurin Marina Schubarth vom Verein »Berliner Unterwelten« gelang es ihr, etwa 50 Jugendliche zu begeistern, über Migrantinnen und Migranten in der Zeit des Nationalsozialismus zu recherchieren – insbesondere über schwarze Deutsche und türkische Juden. Einige exemplarische Biografien wurden ausgewählt und ein festes Ensemble aus jungen SchauspielerInnen und Hilfskräften zusammengestellt. Am 19. März 2011 war dann Premiere, die Truppe trat zum ersten Mal im Bunker am Gesundbrunnen auf. Dabei sind Arbeitslose, Schüler, Schulabbrecher, Jugendliche mit türkischem Hintergrund, die Juden spielen, Weiße, die sich hineinversetzt haben in schwarze Menschen, und ihre Ängste.

Das dokumentartheater berlin ist gemeinsam mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf Spurensuche von Migrant/innen und Schwarzen Deutschen im Nationalsozialismus gegangen: Gefunden haben sie die Lebensgeschichte eines türkischen Juden im Berliner Untergrund, Tagebücher eines afro-deutschen Mädchens, das zur Zwangsarbeit verpflichtet wurde, Gerichtsakten eines Schwarzen Deutschen im Widerstand, Fotomaterial eines türkisch-jüdischen Jungen kurz vor seiner Flucht, Augenzeugenberichte einer Schwarzen Frau im KZ und manchmal nur noch einen Namen.

Entstanden ist ein wichtiges Theaterstück aus wahren Geschichten der Menschen, deren Schicksale fast vergessen wurden. Wie lebten sie? Woran glaubten sie? Was geschah mit ihnen, als Hitler an die Macht gewählt wurde? Wurden sie verfolgt? Wer half ihnen? Wer denunzierte sie? Haben sie überlebt?
In den beeindruckenden unterirdischen Räumlichkeiten im Bunker am Blochplatz und an verschiedenen Gastspielorten geben die Jugendlichen diesen Geschichten, diesen Fragen ein Gesicht.

Gelernt wird bei einem solchen Projekt natürlich vieles, Texte lernen, auf der Bühne stehen, sprechen, spielen.
Aber in diesem Fall haben die Beteiligten ganz viel Wissen, ganz viel Information zunächst selbst erarbeiten müssen. Einem Kollegen der Jüdischen Allgemeinen hat Volkan, ein Mitwirkender gesagt:

»Ich wusste bisher überhaupt nicht, dass es türkische und arabische Juden gibt und dass sie damals in Deutschland auch verfolgt wurden«. In der Schule habe er zwar von Hitler und der Judenverfolgung gehört. Aber die konkreten Schicksale, die schockierenden Details kamen zu kurz. »Wir spielen hier Sachen, die Menschen wirklich erlebt haben. So ein Leben voller Angst, wie Isaak es damals hatte, würde ich nicht mal meinem schlimmsten Feind wünschen.«

Die Überlebensgeschichte des in Berlin untergetauchten Isaak Behar, hat Volkan so beschäftigt, dass er seinen türkischen, arabischen und deutschen Freunden viel davon erzählt, wenn sie gemeinsam abhängen im Spandauer Kiez – meistens auf einem Spielplatz hinter braunen Wohnblocks aus der Hitlerzeit. »Meinen Bruder hab’ ich mit dem Thema so zugetextet, dass er sich jetzt auch dafür interessiert, sagte er dem Kollegen der Jüdischen Allgemeinen.

Ich hoffe, ich habe das nun auch getan, und alle, die das Stück Vergessene Biografien noch nicht gesehen, haben nun die Gelegenheit zumindest Ausschnitte zu sehen.

Liebe Anwesende, liebe Preisträgerinnen, ich gratuliere von Herzen!

Ines Pohl