Laudatio 2013


Ralf Wieland, Laudator 2013

Laudatio des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin Ralf Wieland anlässlich der Verleihung des  Jugendmedienpreises  „Das Rote Tuch“ am

1. September 2013 um 11.00 Uhr, Aula der Friedensberg-Oberschule

 

Sehr geehrter Herr Höra,

liebe Carolina Böhm,

liebe Sigrun Klemmer,

sehr geehrte Mitglieder der Jury,

meine Damen und Herren,

neun Prozent der Deutschen – also fast acht Millionen Menschen in unserem Land - haben ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild,

25 Prozent sind sogar ausländerfeindlich eingestellt. Zu diesen erschreckenden Ergebnissen kamen im letzten Jahr Wissenschaftler  im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung in ihrer Studie „Die Mitte im Umbruch“.

Und die Autoren haben noch eine andere wichtige Botschaft im Gepäck: „Rechtsextremismus ist (…) ausdrücklich nicht nur ein Problem des Ostens.“

Auch wenn das mit Blick auf die aktuellen Ereignisse so scheint. Blicken wir aber erst einmal zurück auf die Ergebnisse früherer „Mitte-Studien“. Es zeigt sich  besonders im Osten Deutschlands eine besorgniserregende Tendenz hin zu mehr Ausländerfeindlichkeit, mehr rechtsextremen Gedankengut und mehr Intoleranz:

Sechzehn Prozent der Bevölkerung haben ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild, so das Ergebnis im Jahr  2012 gegenüber sechs Prozent im Jahre 2006. Mehr als ein Drittel der Ostdeutschen vertreten klar ausländerfeindliche Ansichten - 2004 waren es bereits erschreckende 25 Prozent.

Besonders dramatisch: Erstmals sind junge Ostdeutsche durchschnittlich rechtsextremer als ihre Großeltern!  Das Magazin ‚Der Spiegel‘ konstatiert daher  eine „neue Generation von Rechtsextremisten“. Das sind Zahlen und Fakten, die aufrütteln und mit denen wir uns ganz intensiv auseinandersetzen müssen. Sie zeigen, dass der Kampf gegen braunes Gedankengut eine ständige Aufgabe bleibt, die wir  auch noch entschlossener angehen müssen. Dabei muss besonders die Jugend Ziel unserer Anstrengungen um Aufklärung und Prävention sein.

Die Medien spielen dabei eine wichtige Rolle. Denn: Sie bringen Jungendliche zum Nachdenken, ob Buch, Theaterstück, Ausstellung oder Website. Die SPD Charlottenburg-Wilmersdorf hat das schon früh erkannt und vor über 30 Jahren den antifaschistischen Jugendmedienpreis „Das Rote Tuch“ ausgelobt. Gerade unter dem Eindruck der genannten Studie bin ich besonders erfreut, dass der Preis in diesem Jahr an den Berliner Autor Daniel Höra geht. Er hat sich mit viel Einfühlungsvermögen und einem besonderen Blick für Details dem schwierigen und vielschichtigen Thema der  sogenannten „völkischen Siedler“ angenommen und ein fesselndes und zugleich sozialkritisches Jugendbuch geschrieben. Daniel Höra nimmt uns mit auf eine Reise in die mecklenburgische Provinz in ein fiktives Dorf namens Bütenow. Dorthin, wo es kaum noch so etwas gibt, was man Zivilgemeinschaft nennt. In eine Gegend, wo die Menschen sich abgehängt fühlen und die Kreisstadt weite 40 km entfernt ist.

In „Braune Erde“ verfällt dieses Dorf und mit ihm der 15-jährige Ben einer neuzugezogenen Gruppe „völkischer Siedler“. Rechtsextreme haben Glatze und Tattoos, tragen schwarze oder braune Klamotten und grölen auf Demos Parolen. So oder so ähnlich sieht das Bild aus, das meistens in den Medien vermittelt wird und sich in vielen Köpfen festgesetzt hat. Daniel Höra leistet hier wichtige Aufklärungsarbeit. In „Braune Erde“ räumt er mit dieser einseitigen Darstellung auf und schafft bei den jungen Lesern ein Bewusstsein für die vielen Facetten des Rechtsextremismus, die sonst häufig unter den Tisch fallen.

Natürlich gibt es auch in „Braune Erde“ die jungen, gewaltbereiten Schlägertypen in Person der Zwillinge, die auf Demos Antifa-Aktivisten verprügeln, die sich über das „Weltnetz“, sprich das Internet, Rechtsrap herunterladen und ihre Aktionen über das „facebook“ - das Gesichtsbuch, wie sie es nennen - organisieren. Es ist das Verdienst von Daniel Höra, neben diesen „typischen“ Rechtsextremen in „Braune Erde“ auch andere Charaktere zu zeigen. Die junge Freya und ihre Mutter etwa, die ausschließlich blaue Kleider tragen, für nordische Liedermacher schwärmen, Kurse in Volkstänzen anbieten und alte Dorfbewohner pflegen.

Oder Reinhold, der Anführer der Gruppe, dem öffentlich keine rechtsextremen Parolen herausrutschen und der stattdessen eine Bürgerwehr gegen die vermeintlichen polnischen Diebe aufbaut. Diese Charaktere stehen für eine besonders bedrohliche Richtung des Rechtsextremismus, einen Rechtsextremismus nämlich, der das von ihm verabscheute und verhasste System nicht umstürzen, sondern von innen heraus zerstören will. Dabei treten neben den „Kampf um die Straße“ der „Kampf um die Parlamente“ und vor allem der „Kampf um die Köpfe“. Um die Köpfe und die Herzen der Menschen zu gewinnen, braucht es aber ein neues, ein besseres Image. Das Image des selbstlosen Kümmerers, der die Sorgen der Menschen ernst nimmt und sich ihrer annimmt. In diesem Zusammenhang ist es zu sehen, wenn die NPD Kinderfeste veranstaltet. Wenn sie „nationale Krabbelgruppen“ und HartzIV-Beratung im Parteibüro anbietet. Wenn die einzigen Angebote in ländlichen Gegenden in Fußballvereinen und Jugendclubs bestehen, die von Rechtsextremen organisiert werden.

Oder wenn Rechtsextreme wie in „Braune Erde“ in entsolidarisierten Gegenden ohne starke Zivilgesellschaft ein Gefühl von Gemeinschaft  und Zusammenhalt heraufbeschwören, indem sie das Platzhaus wiederaufbauen oder Alte und Kranke pflegen.

Keine Frage, es ist natürlich gefährlich und nicht zuletzt unglaublich abscheulich, wenn Nazis zum Beispiel jedes Jahr am 13. Februar versuchen, das Leiden und das Sterben tausender Dresdner Einwohner  während der Bombenangriffe im 2. Weltkrieg für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Aber gegen solche offensichtlich rechtsextremen Aufmärsche lässt sich die demokratische Gesellschaft gut mobilisieren - wie es ja auch jedes Jahr erfolgreich in Dresden geschieht. Viel gefährlicher für die Gesellschaft ist es aber, wenn sich die Rechtsextremen wie in den genannten Beispielen als familienfreundlich und sozial engagiert ausgeben. Denn die braune Brühe kommt nicht wie ein Hochwasser über Nacht – sie sickert vielmehr langsam in die Mitte unserer Gesellschaft ein.

Und das ist das Ziel dieser langfristig angelegten Strategie: die schleichende Unterwanderung der Gesellschaft durch die Etablierung einer „nationalen Denkkultur“. Rechtsextreme Parteien und rechtsextreme Organisationen können nur Erfolg haben, wenn ihre Vorstellungen auf fruchtbaren Boden fallen.

Wo Arbeitslosigkeit zunimmt und Perspektiven Mangelware sind, da ist es ein Einfaches für die Rechtsextremisten, sich als volksnahe Kümmerer zu inszenieren.

Die Ursache von Demokratie- und Fremdenfeindlichkeit ist also nicht die NPD. Rechtsextreme Parteien und Organisationen sind nur Katalysatoren. Die Neo-Nazis verstehen es, Menschen, die von der etablierten Politik abgehängt worden sind, abzuholen und sie vor ihren braunen Karren zu spannen. So oder so ähnlich ist es wohl auch in Marzahn-Hellersdorf. Die meisten Menschen dort sind keine Neo-Nazis, aber trotzdem vertritt ein Teil von ihnen ausländerfeindliche und rassistische Einstellungen. Warum ist das so?

Die NPD und Pro Deutschland und ihr Umfeld  haben auch hier die Gunst der Stunde genutzt. Sie haben Sorgen und Zweifel der Bevölkerung aufgegriffen und denen, die sich von der Gesellschaft abgehängt fühlen, ein Ventil für ihre Enttäuschung gegeben. Und sie haben diese Enttäuschung in Wut verwandelt.

Nur richtet sich diese Wut nicht nur auf die Verantwortlichen, auf Politiker und Politikerinnen, die beschlossen haben, dort ein Asylbewerberheim anzusiedeln. Nein, sie richtet sich auf diejenigen, die noch schwächer zu sein scheinen, als man selbst: die Flüchtlinge. Auf die, die sich nicht wehren können.

So bezeichnete der Tagesspiegel die vorherrschende Stimmung in Marzahn-Hellersdorf als eine „(…) Wut der Hilflosen auf die noch Hilfloseren“. Die Politik darf sich hier nicht aus der Verantwortung stehlen. Sie muss die Ursachen bekämpfen: mit einer besseren Sozialpolitik und mit einer Wirtschafspolitik, die ländliche Gegenden nicht außen vor lässt. Gleichzeitig muss die Politik den Menschen wieder das Gefühl geben, an unserer Demokratie teilzuhaben. Denn wie viel Teilhabe gibt es für einen Jugendlichen wie Ben in einem Dorf, wo es keine Vereine mehr gibt, wo es keine emotionale Wärme gibt und auch keine emotionale Anerkennung?

Teilhabe ist aber nicht das Resultat von schönen Sonntagsreden.Teilhabe entwickelt sich vor Ort durch zivilgesellschaftliches Engagement – in Vereinen, in Parteien und in Initiativen. Dieses Engagement müssen wir schützen und stärken! Dazu braucht es langfristige finanzielle Unterstützung anstatt Förderungen, die nach zwei Jahren wieder auslaufen! Und vor allem brauchen wir ein Klima der Anerkennung und des Vertrauens anstatt einer unsäglichen Extremismusklausel, die gerade die Verteidiger der Demokratie kriminalisiert!

Lieber Herr Höra, in einem Interview mit dem Fernsehsender Hamburg 1 haben Sie einmal gesagt, Sie wollten mit „Braune Erde“ zum einen das Bewusstsein der Leute schärfen und zum anderen eine spannende Geschichte erzählen. Beides ist Ihnen mit Bravour gelungen.

Denn Daniel Höra schafft es, ein schwieriges und vielschichtiges Thema jugendgerecht aufzuarbeiten. Die einfache, authentische Sprache des Ich-Erzählers Ben machen dessen innere Odyssee für den jugendlichen Leser nachvollziehbar. Er ist Schritt für Schritt dabei, er sieht zu – nein, er muss zusehen - , wie eigentlich alles ganz harmlos beginnt und Ben dann doch in die rechte Szene hineingerät.

Die Sensibilisierung für die verschiedenen Masken des Rechtsextremismus erfolgt dabei ganz nebenbei, da der Leser die meiste Zeit damit beschäftigt ist, mit Ben mitzufiebern. Tatsächlich liest sich „Braune Erde“ streckenweise wie ein Krimi. Gleichwohl: Das Buch zeigt uns auch, dass es durchaus Menschen gibt, die „aussteigen“ wollen, die nicht weiter und tiefer in Hass und Unmenschlichkeit versinken wollen. Wir sollten uns daher darüber im Klaren sein: Wir brauchen „Aussteiger-Programme“, wie zum Beispiel „Exit“. Insgesamt ist es also kein Wunder, dass das Buch bereits in einigen Bundesländern als Schullektüre verwendet wird – wie auch schon sein erster Jugendroman „Gedisst“.

Auch in „Gedisst“ ist die Welt nicht in Ordnung, es geht um Ausgrenzung, Gewalt und Tod vor der Kulisse einer Plattenbausiedlung in einer ostdeutschen Kleinstadt – erzählt aus der Sicht eines 14-Jährigen. Man könnte fast meinen, Probleme heranwachsender Jugendlicher sind Daniel Höras Spezialgebiet. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass er selbst in einem Hochhausviertel am Rande von Hannover aufgewachsen ist und - nach Verlagsangaben - seine Zeit eher mit den „bösen Jungs“ als mit den „guten“ verbracht hat.

Auf die schiefe Bahn gekommen ist er dadurch auf jeden Fall nicht. Daniel Höra arbeitete zunächst in verschiedenen Berufen - unter anderem als Taxifahrer, Möbelträger und Lagerarbeiter -, bevor er am Kolleg sein Abitur nachholte. Mit der Hochschulreife im Gepäck begann er ein Geschichtsstudium, das ihn auch nach Berlin führte. Während das Studium schon bald Geschichte war, ließ ihn unsere Stadt nicht mehr los. So lebt Daniel Höra nun schon seit einigen Jahren mit seiner Familie in Berlin. Zunächst noch als TV-Redakteur tätig, konzentriert er sich heute allein fast ausschließlich auf das Schreiben.

Das ist unser Glück, da können wir uns doch auf weitere spannende und anspruchsvolle Jugendromane von Ihnen, Herr Höra, freuen! Vielleicht widmen Sie sich auch noch einmal dem Thema Rechtsextremismus.

Nötig wäre es, denn auch in Deutschland gibt es eine beunruhigende „Unkultur des Verschweigens“, wie Wolfgang Thierse es einmal ausdrückte. Da schauen Kommunalpolitiker, Polizisten oder Vertreter der Verwaltung einfach weg, wenn Rechtsextreme die Kontrolle übernehmen und Gewalt gegen Andersdenkende und Fremde zunimmt. Da werden untragbare Zustände wie in Bütenow kleingeredet oder verschwiegen. Und selbst die obersten Ermittler des Landes versagen, wie der kürzlich erschienene Bericht des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestags sehr deutlich zeigt. Fremdenfeindliche Motive werden kaum in Erwägung gezogen; die Familen der Opfer werden kriminalisiert anstatt den Blick nach Rechtsaußen zu richten. Außerdem behinderten Eitelkeiten und Machtkonkurrenz zwischen den beteiligten Behörden die Ermittlungen. Nicht zuletzt werden menschenverachtende Äußerungen mit dem Verweis auf die Meinungsfreiheit gerechtfertigt.

Dieser „Unkultur des Verschweigens“ setzen wir eine „demokratische Protestkultur“ entgegen. Dieser Protest ist wie ein Puzzle: Er ist zusammengesetzt aus vielen einzelnen Stücken, die ein Bild von einer menschlichen und demokratischen Gesellschaft ohne Ausgrenzung zeigen. Tatkräftiger, direkter Protest wie die Teilnahme an Anti-Nazi-Demos oder der ausgesprochene Widerstand in der S-Bahn, wenn jemand wegen seiner Herkunft angepöbelt wird. Aber auch eine Art indirekter, aufklärender Protest, wie er in Zeitungsartikeln, Theaterstücken, Filmen oder eben Büchern geäußert wird.

Daniel Höra hat mit „Braune Erde“ ein Puzzle geschaffen, das dem Schweigen 300 spannende und aufschlussreiche Seiten entgegensetzt, die besonders Jugendliche aufklären und aufrütteln werden. Mit dem „Roten Tuch“ wollen wir Ihnen für diesen Beitrag danken. Sie haben es sich redlich verdient!

Vielen Dank und Herzlichen Glückwunsch an Sie, Herr Höra.