Laudatio 2015

Eva Högl, Mitglied des Deutschen Bundestages (MdB)


Eva Högl, Laudatorin 2015

Sehr geehrter Herr Engelmann,

liebe Carolina Böhm,

lieber Jan Stöß,

lieber Christian Gaebler,

lieber Reinhard Naumann,

sehr geehrte Damen und Herren,

 

es ist mir eine große Freude und große Ehre, bei der Preisverleihung des Jugendmedienpreises – DAS ROTE TUCH – die Laudatio auf den diesjährigen Preisträger – Herrn Reiner Engelmann – zu halten.

Mit dem Roten Tuch werden Werke und Autorinnen und Autoren ausgezeichnet, die sich kritisch mit Rechtsextremismus, Faschismus und Rassismus auseinandersetzen. Der Preis und seine Werke richten sich vor allem an Jugendliche: Sie sollen gegen rechtsextremes Gedankengut stark gemacht und zu einem demokratischen, offenen und toleranten Handeln animiert werden. Dieses Jahr erhält Reiner Engelmann das Rote Tuch für sein Buch „Der Fotograf von Auschwitz“. Darin erzählt Herr Engelmann die ebenso wahre wie außergewöhnliche Geschichte von Wilhelm Brasse, der unfreiwillig zum Chronisten des größten Grauens der Menschheitsgeschichte wird. Herr Engelmann erinnert damit an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte und trägt mit seinem Buch dazu bei, dass dieses Kapitel nicht endgültig geschlossen, sondern wach gehalten wird.

Wilhelm Brasse wird am 3. Dezember 1917 als Sohn eines Österreichers und einer Polin geboren in polnischen Żywiec (deutsch: Saybusch). Als Jugendlicher entschließt er sich zu einer Ausbildung zum Fotografen – eine Entscheidung, die ihm Jahre später das Leben retten sollte. Als Wilhelm Brasse 22 Jahre alt ist, wird seine Heimat Polen von der deutschen Wehrmacht überfallen. In jenem Jahr 1939 trifft er erneut eine folgenschwere Entscheidung, eine Entscheidung, die ihn sein Leben lang verfolgen und vor allem die folgenden sechs Jahre zur seelischen und körperlichen Qual machen sollte. Nach der perversen Logik der Nationalsozialisten ist Brasse als Sohn eines Österreichers und einer Polin volksdeutscher Abstammung. Brasse jedoch fühlt sich als Pole und weigert sich der Wehrmacht beizutreten. Statt Wehrmacht wählt er den Widerstand. Sein Versuch, sich polnischen Truppen in Frankreich anzuschließen, scheitert jedoch. An der Grenze zu Ungarn wird er festgenommen und als politischer Gefangener in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert.

„Die einzige Möglichkeit, dem Konzentrationslager zu entkommen, ist die durch den Schornstein!" – Dieser perverse Sarkasmus des SS-Hauptsturmführers Karl Fritsch bei seinem Morgenappell am   1. September 1940 lassen Wilhelm Brasse schnell realisieren: Auschwitz ist ein Ort, an dem jegliche Freiheit, Individualität und Menschlichkeit ausgelöscht ist.

Wilhelm Brasse weiß: von nun an ist er kein Mensch mehr, er ist nicht mehr Wilhelm Brasse, sondern nur noch eine Zahl, nur noch Häftling Nummer 3444.

Angesichts der Willkür und Brutalität geht es für Wilhelm Brasse fortan nur noch um das reine Überleben. Als er Anfang Februar 1941 in die politische Abteilung des Konzentrationslagers gerufen wird, rechnet er daher mit dem Schlimmsten. Die politische Abteilung sucht jedoch einen Fotografen für den Erkennungsdienst. Für den ausgebildeten Fotografen Wilhelm Brasse eine Aufgabe, die Fluch und Segen zugleich sein sollte. Ein Segen, weil er damit die kommenden fünf Jahre im KZ Auschwitz überleben sollte. Er genießt fortan gewisse Privilegien und entkommt der harten Alltagsarbeit des KZs und der brutalen Willkür der KZ-Wärter.  

Gleichzeitig ist die Ernennung zum Lagerfotografen ein Fluch für Wilhelm Brasse. Mit seiner Kamera dokumentiert er das Grauen, die sich tief in sein Bewusstsein einbrennen. Bilder, die er nie wieder vergessen wird und die ihn bis zum seinem eigenen Tod verfolgen werden. Nach dem Ende des Schreckens von Auschwitz wird Wilhelm Brasse seinen Beruf des Fotografen nie wieder ausüben können.

Wilhelm Brasses Aufgabe im Erkennungsdienst ist so banal wie barbarisch: Er fertigt Porträtfotos neuankommender Häftlinge an. Ein Foto frontal ohne Mütze, eins im Halbprofil mit Mütze und eins im Profil ohne Mütze. Nur drei bis vier Minuten Zeit hat er pro Häftling. Bis zu siebzigtausend solcher Fotos wird er bis zur Befreiung Auschwitzs anfertigen. Normalerweise vermittelt der Blick durch die Kamera zwischen Wirklichkeit und Aufnahme, die Kamera schafft eine gewisse Distanz zwischen dem Fotografen und seinem Objekt. Wenn Wilhelm Brasse jedoch durch den Sucher seiner Kamera blickt, sieht er keine Objekte, sondern Subjekte, erschöpfte und verstörte Menschen, die ihn mit angsterfüllten Augen anstarren. Die Kamera schafft keine Distanz zwischen ihm und den neuankommenden Häftlingen. Vielmehr trifft die brutale Realität Wilhelm Brasse vollkommen unvermittelt. Denn er weiß, welches Leid sie bereits erfahren haben und welches Leid sie noch erfahren werden. Er weiß, dass viele, die zu ihm kommen, nicht mehr lange leben werden.

Brasse weiß um seine privilegierte Position. In der Folgezeit nutzt er sie – jedoch nicht für sich, um noch mehr Vorteile zu erlangen, sondern für seine Mithäftlinge. Wenn Häftlinge total verängstigt vor ihm stehen, versucht Wilhelm Brasse ihnen die Angst zu nehmen. Wenn Häftlinge im Erkennungsdienst geschlagen werden, untersagt Wilhelm Brasse solche Gewaltakte. Er bemüht sich um Fotos, die keine Häftlinge sondern Menschen zeigen. Er retuschiert einige, um ihnen Würde zu geben. In den wenigen Minuten, die die Menschen vor Wilhelm Brasse stehen, sollen sie angstfrei und würdevoll sein.

Wilhelm Brasse arbeitet zwar auf Befehl seiner Vorgesetzten, doch widersetzt er sich immer wieder. Gewiss sind es „nur“ kleine Akte des Widerstands, mit denen Wilhelm Brasse jedoch stets sein eigenes Leben aufs Spiel setzt. Der Erkennungsdienst wird damit zum wohl einzigen Ort im KZ Auschwitz, an dem so viel Menschlichkeit und Würde herrscht, wie es die engen Grenzen der Grausamkeit erlauben.

Wilhelm Brasse ist ein Fotograf, der sein Handwerk bestens versteht. Das merken auch seine Vorgesetzten. Nach und nach suchen immer mehr KZ-Aufseher Wilhelm Brasse auf: Er soll von ihnen ebenfalls Porträtaufnahmen anfertigen.

Wilhelm Brasse lernt dadurch Massenmörder kennen, die tagtäglich über Leben und Tod entschieden, wie den Lagerarzt Josef Mengele. Doch Wilhelm Brasse stellt fest: vor ihm sitzen keine Maschinen sondern Menschen. Höfliche, freundliche Menschen, die ihn beim Namen nennen, sich mit ihm unterhalten, gar plaudern.Es entstehen Bilder von Menschen, die nicht von Schuldgefühlen über ihre grausamen Taten zerrissen sind, sondern Bilder von ganz normalen Menschen, die als Grußkarten an Freunde und Verwandte verschickt werden.

Die Janusköpfigkeit dieser Menschen lässt Wilhelm Brasse erschauern: Wie können diese Menschen scheinbar unbeschwert vor ihm sitzen, obwohl sie für den Tod und das unfassbare Leid Hunderttausender verantwortlich sind? Wozu nur ist der einfach Deutsche, der einfache Mensch fähig? Es ist diese „Banalität des Bösen“, wie Hannah Arendt sie in ihrem Bericht zum Prozess gegen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Jerusalem ausmacht, die Wilhelm Brasse fassungslos macht.

Am 15. Januar 1945 nähert sich die Rote Armee dem KZ Auschwitz. Angst und Panik machen sich breit – nicht nur bei den Häftlingen, auch bei den Aufsehern. Das Lager wird geräumt und die Häftlinge auf Todesmärsche geschickt. Kurz vor dem Beginn der Flucht wird Wilhelm Brasse beauftragt, alle Negative und Bilder im Erkennungsdienst zu zerstören. So lange sein Vorgesetzter unmittelbar bei ihm ist, verbrennt er die Negative. Doch sobald er allein ist, holt er die glühenden Stücke wieder heraus und stoppt die Zerstörung. Denn Wilhelm Brasse weiß, dass diese Bilder zum einzigen Beweis für das unvorstellbare Verbrechen von Auschwitz werden können, falls er und seine Mithäftlinge die kommenden Stunden, Tage oder Wochen nicht überleben werden.

Nach fast fünf Jahre Auschwitz ist das Leiden von Wilhelm Brasse noch nicht vorbei. Er wird mit Mithäftlingen auf kilometerlange Märsche geschickt.  Hunderttausende der KZ-Häftlinge kamen hierbei ums Leben – durch Verhungern, Erfrieren oder die Brutalität der SS-Mannschaften. Völlig entkräftet – körperlich wie gedanklich – überlebt Wilhelm Brasse jedoch auch diesen Horror. Am 6. Mai 1945 befreiten Amerikaner das Lager Mauthausen, in dem Brasse mittlerweile angekommen war.

Nach zwei Monaten entlassen ihn die amerikanischen Ärzte. Wilhelm Brasse hatte zu diesem Zeitpunkt sein altes Körpergewicht wieder. Er besaß neue Kleidung und kehrte in seine Heimat Polen zurück, die ihm immer noch vertraut und bekannt war. Seine Familie lebte noch. Er wollte wieder arbeiten, Geld verdienen und fotografieren. Nach außen wirkte es wie alte Zeiten, in denen sich Nichts verändert hatte.

Für Wilhelm Brasse war jedoch Nichts mehr so wie früher. Die äußere Fassade verdeckte nur die inneren Risse, die Gedanken und Bilder, die ihn verfolgten. Seinen Beruf als Fotografen wird er nie wieder ausführen können. Bei jedem Blick durch seine Kamera sah er keinen neuen Kunden, sondern die Gesichter der Gefangenen, die er porträtierte, die ihn mit Angst und Panik in den Augen anstarrten.

Zunächst legte Wilhelm Brasse einen Mantel des Schweigens über das, was er erlebt hatte und was ihn verfolgte. Er schwieg gegenüber seiner Frau, gegenüber Verwandten auch gegenüber ehemaligen Häftlingen, die er traf. Erst als sein Sohn in etwa dem gleichen Alter war wie er selbst, als er in das KZ Auschwitz kam, begann er sich ihm zu öffnen und erzählte ihm alles. Wilhelm Brasse merkte die Befreiung, die in dem Gesagten über das Unsagbare steckte. Fortan wurde er zum Zeitzeugen, der Besuchergruppen des Museums Auschwitz über seine Erlebnisse berichtete. Am 23. Oktober 2012 verstarb Wilhelm Brasse.

Als Herr Engelmann mit einer Schulklasse Auschwitz besuchte, lernte er Wilhelm Brasse kennen. Einige Monate vor dem Tod von Wilhelm Brasse führte er mit ihm mehrere Interviews. Die Gespräche nutzte Herr Engelmann, um die Geschichte von Wilhelm Brasse in diesem Buch niederzuschreiben. Über die Schrecken des Holocausts und die Hölle von Auschwitz gibt es unzählige Bücher. Jedes dieser Bücher ist wichtig, weil es die Erinnerung an dieses unfassbare Verbrechen wach hält und uns mahnt, ein solches Verbrechen nicht noch einmal zu zulassen.

In dreiunddreißig knappen Kapiteln, die meisten nicht mehr als drei Seiten lang, zeichnen Sie, Herr Engelmann, das Leben von Wilhelm Brasse nach. Dabei wählen sie eine klare und einfache Sprache, die auf umschweifende Ausführungen und bilderreiche Vergleiche verzichtet. Für manche Leserin und Leser mag diese Kompaktheit und Klarheit befremdlich sein. Ich finde jedoch, dass genau das Ihr Buch auszeichnet. Denn keine noch so facettenreiche Sprache dieser Welt mag das erfahrbar machen, was Wilhelm Brasse und mit ihm Millionen von Menschen erleben mussten. Der Ton ihres Buches ist zurückhaltend, fast schon sachlich. Jedoch treten dadurch die Grausamkeit, die Wilhelm Brasse tagtäglich in Auschwitz erlebte, und seine Bilder, die das Grauen dokumentierten, nur umso deutlicher und schonungsloser zutage. 70 Jahre sind seit der Befreiung Auschwitz und dem Ende des Holocausts vergangen. Jahr für Jahr werden die Zeitzeugen dieses Verbrechens gegen die Menschlichkeit weniger. Jahr für Jahr verblassen ihre Erlebnisse. Jugendliche wachsen in einem Europa des Friedens und der Freiheit auf, in dem solch ein Verbrechen weit zurück und undenkbar erscheint.

Die Verbrechen des Nazi-Regimes mögen noch so weit in der Vergangenheit zurückliegen, in unserer Gegenwart wirkt ihr rechtsextremes, rassistisches und antidemokratisches Gedankengut weiter. Das zeigt die Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe NSU. Die zehn Mordfälle und zwei Sprengstoffanschläge waren ein Anschlag auf unsere Demokratie, unsere tolerante Gesellschaft und unser friedliches Miteinander.

Wie wichtig es ist, an die Verbrechen des NS-Regimes zu erinnern, zeigt auch der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen in Deutschland und Europa. Der Hass von AfD und Pegida gegen Flüchtlinge und Muslime ähnelt auf erschreckende Weise der Rhetorik des Nazi-Regimes. Und die sprachliche Brandstiftung bleibt nicht ohne Folgen: Fremdenfeindliche Gewalt nimmt zu, fast täglich kommt es zu Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte.

 

Wilhelm Brasse hatte sein jahrelanges Schweigen über das erlebte Leiden letztlich gebrochen und begonnen, vor allem junge Menschen, denen dieses Leid so fern und fremd ist, näher zu bringen. Mit Ihrer Chronologie über den Fotografen von Auschwitz leisten Sie, Herr Engelmann, einen ganz wichtigen Beitrag, um diese Erinnerung an die Vergangenheit wach zu halten.

In seinen Gesprächen mit Besuchergruppen im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau sagte Wilhelm Brasse immer wieder: „Ich hoffe, dass die Menschen von heute nicht noch einmal gedankenlos einem Führer hinterherlaufen. Wir müssen unsere Augen öffnen und das früh genug erkennen. Damit sich so etwas Schrecklich, wie wir es erleben mussten, nicht noch einmal wiederholt.“

 

Diese Worte von Wilhelm Brasse haben Nichts an ihrer Richtigkeit und Aktualität verloren.

 

Ihr Buch über Wilhelm Brasse, den Fotografen von Auschwitz, hält daher nicht nur die Erinnerung an die Vergangenheit wach. Es ist auch ein Aufruf an die Gegenwart, an uns Alle: Rechtsextremismus darf nicht verharmlost werden und hat in unserer Gesellschaft keinen Platz! Wir alle müssen Rechtsextremismus und Rassismus in unserer Gesellschaft entschieden und frühzeitig entgegentreten!

Deshalb gratuliere ich Ihnen, Herr Engelmann, herzlich zur Verleihung des Roten Tuchs für Ihr Werk.